Sonntag, 18. Dezember 2011

Warum?!

Man hört ja vieles, wenn etwas passiert, dann fragen alle nach dem "Warum"...
Warum hat niemand etwas gemerkt?
Warum gerade sie/er?
Warum jetzt? Warum hat niemand etwas unternommen?
Warum, warum, warum....

Ich frage mich oft, kann man etwas merken? Wie können Aussenstehende sehen, wenn es jemanden schlecht geht/krank ist, wenn die Symptome (noch) nicht sichtbar sind? Wenn eine Therapie doch gut läuft und die Person nach außen hin gut gelaunt ist und es ihr scheinbar gut geht?

Ständig muss man sich anhören müssen: "ess doch mehr/weniger", "wieso ritzt du dich?", "ach, du spinnst doch!" und "du warst doch so ein hübsches/liebes/begabtes Kind"... Vorwürfe über Vorwürfe, man bekommt vorgehalten, dass das eigene Verhalten den anderen Menschen wehtut, weil sie (angeblich) nichts tun können..

Aber fragt jemals einer, wie es einem geht, wie es innen aussieht? Nein! Wir sind schuld, weil die anderen sich Sorgen machen, wir sind schuld, weil wir ja so dickköpfig sind und wir sind schuld an allem, weil es ja gerade passt...

Man fällt, immer tiefer, ein Loch ohne Boden.. Und niemand hat das passende Seil, um einen wieder rauszuholen..
Und wieso? Weil niemand sich die Mühe macht, hinter der Fassade des Menschen zu schauen, weil jeder seine eigenen Probleme hat und es zu anstrengend wäre, unter Umständen ein Leben zu retten, indem man einfach nur genauer hinschaut, zuhört und erkennt, dass es Menschen gibt, deren Sorgen größer sind als die eigenen..

Ich schreibe diese Zeilen, weil meine Nichte, die gerade 15 Jahre alt geworden ist, sich vor einiger Zeit das Leben nahm, sie war in Therapie, hatte viele Freunde und ihr ganzes Leben noch vor sich.
Die Familie hat sie zu einem "Experten" geschickt, damit sie sich nicht drum kümmern mussten, dabei wollte sie genau das, mal geliebt zu werden, nicht immer nur angeschrien werden... Ich habe es live miterlebt, wie der Umgang dort war/ist.. Ich habe mir schon lange gedacht, dass da irgendwann etwas kommen wird, dass sie irgendeinen psychischen "Knacks" davontragen musste, Depressionen, vielleicht sogar eine Essstörung..

Ich sprach mit der Mutter, mit Freunden der Familie.. Sogar mit dem Mädchen selbst. Und so habe ich, die ausnahmsweise nicht das "Opfer" war, als Angehörige miterleben müssen, wie sich ein Mensch selbst zerstört, daneben zu stehen und nichts tun können, obwohl die Lösung des Problemes doch so greifbar nahe war..

Und so wurde auch ich zu einem der Menschen, die sich diese einfache, doch schmerzvolle Frage "Warum" stellen müssen...

Niemand darf vorwerfen, wenn es nichts vorzuwerfen gibt, niemand darf Schuld zuschieben, wenn niemand schuld ist..
Ich musste lernen, dass Aussenstehende zu sein, die nicht helfen KANN, obwohl sie alles in ihrer Macht stehende tun würde und auch getan hat, schlimmer ist, als diejenige zu sein, um die sich alle Welt sorgt..

Wir dürfen nicht erwarten, dass unser Schmerz gesehen wird, wenn wir es nicht aus tiefsten Herzen wollen und da liegt unser größtes Problem. Wir können uns nicht vorstellen, dass sich auch nur irgendwer in uns hineinversetzen kann, uns versteht... Und da beginnt der Teufelskreis.

Und auch da stellt sich die Frage "Warum?"
Warum bitte ich nicht um Hilfe?
Warum mache ich es mir nur so schwer?
Warum sehe ich nicht, dass das Leben so viel mehr ist als zu hungern/essen/ritzen?
Warum zerstöre ich mich und füge damit anderen Leid zu, obwohl die Lösung doch so einfach ist?

Ganz einfach:

Weil das Leben ist, wie es ist. Manchmal grausam und einfach nicht zu verstehen.

Kommentare:

  1. Wow. Ich weiß jetzt leider gar nichts wirklich produktives zu dem Text zu sagen, außer, dass ich mir schon ähnliche Gedanken zu dem Thema gemacht habe Schön, dass du das mal in Textform gebracht hast!

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  2. Danke dir :) Ich dachte, es musste mal gesagt werden..

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  3. ich kann das absolut nachvollziehen. letztes jahr zu neujahr hat mein onkel selbstmord begangen und ich stelle mir die frage immer noch.
    toller blog übrigens, freu mich mehr zu lesen! ^^
    alles liebe <3

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  4. oh das ist leider zu wahr. ich kenne den warum-gedanken und der ist bitter. und ich kenne die sprüche, wenn man sich nach über einem jahrzehnt mal etwas weiter öffnet... es sit ein schwieriges thema. ich komme einfach mit manchen sachen noch nicht so zurecht...
    der text ist sehr gut geschrieben.

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